Nationalsozialismus in Koblenz und Deutschland – Klassenstufe 4

Nachdem wir Viertklässer am 9. November das Reinigungsset für die Stolpersteine bekommen hatten, beschäftigten wir uns auch im Unterricht mit dem Nationalsozialismus in Deutschland. Zum Einstig lasen wird die Lektüre vom überaus starken Willibald von Willi Fährmann. In der Geschichte nutzt der Mäuserich Willibald die Angst vor der Katze, um sich zum Boss des Mäuserudels aufzuschwingen. Wie in einer Diktatur müssen seine Untertanen Befehlen strikt gehorchen und Andersdenkende werden ausgeschlossen oder sogar verbannt. Immer wieder gelingt es Willi Fährmann, versteckte Botschaften in seinen Kapiteln  unterzubringen. So steht beispielsweise die weiße Lillimaus symbolisch für alle verfolgten Opfer, die sich gegen das Regime wandten. Durch die spannende Geschichte wissen wir nun, wie die Strukturen einer Diktatur funktionieren und warum es so schwierig ist, sich gegen sie aufzulehnen. Gleichzeitig erfuhren wir mehr über die NS-Herrschaft in Deutschland und können uns nun besser vorstellen, in was für einer schwierigen Zeit die Menschen lebten.  Um den Opfern würdevoll zu gedenken, übernahmen wir Patenschaften für die nachstehenden Stolpersteine in der Vorstadt. Wir polierten und verzierten sie und erhielten viel Aufmerksamkeit. Einige Passanten blieben stehen und wollten mehr über das Projekt und die Personen erfahren, andere sprachen uns Mut zu, dass sie diese Aktion gut und wichtig finden. So nehmen wir nicht nur Wissenswertes, sondern auch Zwischenmenschliches mit und können in Zukunft unsere Demokratie stärken.

 Erna Treidel (*1892) und Isidor Treidel (*1887), Mainzer-Str. 10: Das jüdische Ehepaar wurde am 16. Juni 1943 nach Theresienstadt deportiert und am 15. Oktober 1944 verschleppt und in Auschwitz ermordet. Beide schafften es nicht mehr, rechtzeitig auszureisen. Glücklicherweise konnten ihre drei Kinder sich durch die Flucht ins Ausland retten.

 

Alois Gass (*1923), Salierstraße 115: Der siebzehnjährige Alois wurde vom damaligen Reichsarbeitsdienst gemustert und für untauglich erklärt. Es folgt die Einlieferung in die Erziehungs- und Pflegeanstalt Scheuern. Ohne das Wissen seiner Eltern wird Alois verschleppt und am 1. Juli 1941 in der Tötungsanstalt Hadamar vergast. Zurzeit befindet sich der Stein nicht auf seinem Platz, aufgrund von Umbaumaßnahmen. Es wurde uns von der Stadt mitgeteilt, dass er bald wieder an seinen Platz in der Straße zu finden sein wird. 

Wilhelm Hübinger (*1904), Schenkendorfstraße 33: 1939 wurde Wilhelm Hübinger wegen „Arbeitsverweigerung verhaftet und am 26. April 1942 in Dachau ermordet.

Alfred Schlochhauer (*1872), Schenkendorfstraße 14: Über das Leben und die Deportationsgründe ist kaum etwas bekannt. Aus den Aufzeichnungen geht hervor, dass er am 8. Februar 1943 in Theresienstadt gestorben ist.

 

Besonders bewegt hat uns auch die Geschichte von Hannelore Hermann, obwohl ihr Stolperstein schon anderweitig vergeben wurde.

Am 12. Juni 1928 kommt Hannelore in Koblenz zur Welt. Ihre Eltern Leo und Johanna Hermann sind Juden. Hannelore hat zwei ältere Brüder: Hans (geb. 1917) und Kurt (geb. 1918). Ihr Vater ist Vertreter, ihre Mutter betreibt ein Geschäft. Ab November 1937 besucht Hannelore die Schenkendorfschule. Obwohl die Juden auch zu dieser Zeit schon verfolgt wurden, hatte sie auch nette Mitschülerinnen. Eine schreibt beispielsweise in ihr Poesiealbum:

Rosen auf den Weg gestreut und des Harms vergessen! Eine kurze Spanne Zeit ist uns zugemessen.

  Bereits ein Jahr später wird sie aufgrund ihrer Abstammung der Schule verwiesen. Durch wirtschaftliche Einschränkungen, die die Familie wegen der Rassengesetze erleiden musste, hatten sie kein Geld mehr, rechtzeitig zu fliehen. Am 22. März 1942 werden Hannelore und ihre Eltern mit 335 anderen jüdischen Bürgern aus Koblenz und Umgebung vom Güterbahnhof Koblenz-Lützel in Waggons in das Durchgangsghetto Izbica bei Lublin im Generalgouvernement deportiert – und mit hoher Wahrscheinlichkeit im Vernichtungslager Sobibor vergast und verbrannt. Glücklicherweise haben die beiden älteren Brüder durch die Flucht ins Ausland überlebt und konnten später ihre Geschichte erzählen.